Studie der MedienanstaltenDebattenkultur im Netz erodiert

Die Bereitschaft, sich an Debatten in Sozialen Medien und in Online-Kommentarbereichen zu beteiligen, sinkt. Ein zentraler Grund dafür ist die Diskursqualität, die zunehmend als negativ wahrgenommen wird, so das Ergebnis einer Studie der Medienanstalten.

  • Denis Glismann
Zwei brennende Streichhölzer brüllen sich gegenseitig an.
In Online-Debatten fliegen oft die Funken. – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / Dreamstime

Plattformen-Nutzer:innen und Social-Media-Redakteur:innen sind sich offenbar gleichermaßen einig: Die Debattenkultur im digitalen Raum verschlechtert sich zunehmend. Zu diesem Ergebnis kommt die „Transparenz-Check“-Studie der Medienanstalten. Konstruktive Debatten seien online demnach „kaum noch möglich“ und würden zum Teil gar als unwillkommen wahrgenommen. Dennoch wünsche sich eine deutliche Mehrheit der Befragten einen konstruktiven Austausch.

Mit der als negativ wahrgenommenen Diskursqualität sinkt offenbar auch die Bereitschaft, in den Kommentarspalten mitzudiskutieren. Der häufigste Grund dafür sei die aggressive Stimmung. Dementsprechend werde der respektvolle Umgang miteinander als zentral dafür angesehen, sich mehr zu beteiligen.

Zur Meinungsfreiheit im digitalen Raum liegen bei den Befragten zwei gegensätzliche Wahrnehmungen vor. Eine Gruppe versteht darunter, ohne Sorge vor Hass und Abwertung sprechen zu können. Die andere Gruppe will dagegen grundsätzlich alles ungehindert sagen dürfen. Besonders Menschen, die der AfD zuneigten, hätten das Gefühl, in ihrer Meinungsäußerung eingeschränkt zu sein. Wähler:innen der Linken oder der Grünen gaben dagegen häufiger an, frei artikulieren zu können.

Vertrauen in Soziale Medien ist sehr gering

Der Studie nach gibt es zwischen den Plattformen große Unterschiede. Im Vergleich zu Instagram würden Facebook und Twitter/X als wesentlich problematischer wahrgenommen – insbesondere von ehemaligen Nutzenden der Plattformen. Die schlechte Diskursqualität dort sei demnach einer der Gründe, warum Nutzende den Plattformen den Rücken kehren.

Facebook sei die Plattform, die am zweithäufigsten genutzt werde. Gleichzeitig ist sie die meistgenutzte Plattform, auf der Nutzende journalistische Beiträge lesen und kommentieren. Trotz Klarnamen werde die Atmosphäre dort aber als „toxisch“ wahrgenommen.

Das Vertrauen in die Sozialen Medien fällt insgesamt sehr gering aus. Dennoch gibt etwa ein Drittel der Befragten an, in den Kommentaren unter journalistischen Beiträgen bei Facebook, Instagram und YouTube mitzulesen.

„Vertrauen und Laune sinken nach dem Lesen von Kommentaren“

Ein Viertel derer, die aktiv kommentieren, wollen zumeist nur ihre Meinung äußern; knapp ein Viertel von ihnen will andere überzeugen und etwa jede achte Person möchte lediglich ihren Ärger kundtun. „Insgesamt überwiegen die negativen Auswirkungen von Diskursen in den Sozialen Medien“, so ein Fazit der Studie. „Extreme Meinungen überwiegen, Vertrauen und Laune sinken nach dem Lesen von Kommentaren.“

Allerdings zeigten die durchgeführten Experimente, dass eine erkennbare Moderation entscheidend dafür sein kann, dass die Diskursqualität positiver wahrgenommen wird. Je strenger moderiert wird und je konstruktiver der Austausch ist, desto respektvoller und ausgewogener wird der Diskurs wahrgenommen. Allerdings sind die Ressourcen für ein konstruktives Community-Management oftmals knapp.

Wir sind ein spendenfinanziertes Medium.

Unterstütze auch Du unsere Arbeit mit einer Spende.


Jetzt spenden

Bei den Befragten bleibt unterm Strich eine Grundskepsis: Sie bezweifeln, dass Online-Diskurse überhaupt funktionieren und Kommentare zu neue Perspektiven führen können. Eine Mehrheit hat laut Studie das Gefühl, dass Online-Diskussionen spalten.

Desinformation und Bots

Die Anforderungen an das Community-Management sind in den vergangenen Jahren gewachsen. Verantwortlich dafür sind die steigende Zahl an Kommentaren und der zunehmend raue Tonfall. Zudem nehme der Anteil an Desinformation und Fake News zu.

Auch die Bedeutung von Bots hat die Studie unter die Lupe genommen. Insgesamt wurden vier Prozent der Kommentare als „wahrscheinliche Bot-Kommentare“ klassifiziert. Bei kontroversen Themen seien deutlich höhere Werte zu verzeichnen.

Eine Mehrheit der Befragten ist der Ansicht, aufgrund der Bot-Aktivität könnten sie sich im Netz inzwischen kaum noch mit echten Menschen austauschen.

Eine noch größere Rolle als die Bots spielen Trolle, Fake-Accounts und koordinierte Kommentar-Ströme. Diese würden laut den befragten Moderator:innen dazu genutzt, um den Verlauf von Diskussionen in Kommentarspalten gezielt zu beeinflussen.

Vorgehen der Studie

Der „Transparenz-Check“ der Medienanstalten ist dreistufig aufgebaut: Inhaltsanalyse, qualitative Tiefeninterviews und quantitative repräsentative Befragung.

Die Inhaltsanalyse zur Ermittlung der Rolle von Bots beruht auf Tausenden von Kommentaren unter insgesamt 39 Beiträgen von Bild, Der Spiegel, Süddeutsche Zeitung, Die Zeit sowie auf den Plattformen Facebook, Instagram und YouTube.

Elf Tiefeninterviews haben die Forschenden mit Personen aus Social-Media-Redaktionen, aus dem Community-Management sowie mit weiteren Expert:innen durchgeführt. Die quantitative repräsentative Befragung fand mit mehr als 3000 Internetnutzenden statt.

Über die Autor:innen

  • Denis Glismann

    Denis Glismann ist von April bis Juni 2026 Praktikant bei netzpolitik.org. Er schließt aktuell seinen Master in Politikwissenschaft an der FU Berlin ab.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Bluesky


Veröffentlicht

Kategorie

Ergänzungen

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

7 Kommentare zu „Debattenkultur im Netz erodiert“


  1. Anonym

    ,

    Das Problem ist das Positionen von Minderheiten sehr schnell und aggressiv niedergeschmettert werden. Früher konnte man sich über alle möglichen Themen sachlich diskutieren, aber mittlerweile ist alles irgendwie politisch aufgeladen, oder eine damit wahrgenommene Identität angegriffen:

    „Ahhhh!!! Also bist du links!!!“
    „Ahhh Nazi!!“

    etc. pp.


    1. Notorisch Rhetorisch

      ,

      Das ist aber doch im Kern nur Schubladen-denken. Etwas das die Menschen schon immer gern taten um sich den Alltag zu ordnen. Das Problem heute scheint mir eher die Schiere Menge an Schlechten Informationen zu sein die es für viele erforderlich machten etwas schnell in eine Schublade zu stecken. Leider bleibt es dann oft dabei. Kuratierte und überprüfbare Informationen die zu echtem Wissen und einer Fundierten Meinung führen könnten werden dagegen immer Seltener. Und sie sind nicht nur oft schwerer zu finden sondern öfters auch schwerer Verdaulich und erfordern mehr Zeit z.b. zum selbst überprüfen. Das Kernproblem ist TMBI. Too much (Bad) Information.

      Jetzt rufe bitte niemand nach einem Ministerium für Informationskontrolle. :-/


    2. Thorsten Gorch

      ,

      Konnte man das früher, sachlich diskutieren? In seiner Bubble / kleinen Nische vielleicht. Das konnte aber auch in einer typischen Wirtshausschlägerei enden (oder wurde „unter Männern“ vor der Disse ausgefochten). In den Baseballschlägerjahren reichte es auch einfach nicht normgerecht auszusehen.

      Selbst vor leichten Zugang zu elektronischen Netzwerken wie Internet, zu BBS & Usenetzeiten, gab es dann epische FlameWars (so nannte man damals den Sh*storm, & oppa erzählt vom kriech: Ich war da durchaus mit dabei).

      Das Problem ist das politische Diskussionen (wie alle Diskussionen um Glaubensrichtungen) _immer_ entgleisen. Spätestens seit dem „Eternal September“ kann halt jeder seine Meinung ins Netz kübeln. Was nicht das eigentliche Problem ist.

      Das eigentliche Problem ist: Viele teilen mit Lust aus, aber wenn es ans einstecken geht dann werden viele zu Mimosen, bzw. kennen die Möglichkeiten der Plattform nicht unangenehme Accounts auszublenden.


  2. Manuel S.

    ,

    Schöner Bericht. Als Leser bleibt für mich nur die Frage übrig, was die Medienanstalten mit der Studie bezwecken. Geht es etwa um das Schließen von Kommentarbereichen unter ihrer politischer Berichterstattung? Das fände ich undemokratisch.


    1. Notorisch Rhetorisch

      ,

      Ist es denn Demokratischer wenn eine Medienanstalt(!) sich zum Sitten- und Moral-hüter für ganz DE aufschwingt und „ihrer“ Meinung nach inadäquate Inhalte weg-zensieren wollte? Wenn das Primär um Jugendschutz gehen würde, oder auch um wirkliche Hasstiraden und Fakes, Desinformationen ginge wäre das vielleicht noch akzeptabel. Aber wessen Interessen werden denn da wirklich vertreten (oder gewahrt), die der Katholischen Kirche (Religionsfreiheit, also warum?) der Islamischen Gemeinschaft (gleiche Frage) oder der Jüdischen (dito), Lizenzinhabern oder… Staatlicher Akteure (=Zensur)? In einem wirklich Freien Internet sollte man sich alles ansehen dürfen was erreichbar ist. Was ja nicht automatisch bedeutet das man sich die Inhalte zu eigen macht oder danach ausrichtet. Es lesen können zu verhindern behinderte auch irgendwie die Meinungsbildung (z.b. Fazit: Nazi’s= Idioten). Jugendschutz gehört primär in die Kompetenz der Eltern und denen dabei zu helfen sollte wichtiger sein, Und was Illegal ist war schon immer der Definition und Auslegung von Gesetzen unterworfen. Die geändert werden können – wenn sie nicht mehr passen. Fragt sich nur wer das dann beschließt. Staatliche Akteure… Oh. Klingt auch nach Missbrauchsgefahr oder? Der Medienstaatsvertrag ist auch nur ein Gesetz. Ob diese Studie nun Folgen hat; und welche; bliebe ab zu warten. Müsste man „drüber diskutieren“ oder? ;)


  3. Notorisch Rhetorisch

    ,

    Zusammengefasst wurden 39 Redaktionelle Beiträge von 4 verschiedenen Quellen auf 3 Großen Plattformen (und den Quellen-eigenen) betrachtet, was „Tausende“ Kommentare erzeugte – nur um Potentielle Bots auf zu finden. Dazu hat man lediglich ELF Personen aus Drei Tätigkeitsgruppen intensiver Interviewt und zuletzt noch etwa 3000 „Nutzer“ befragt…

    Äh ja, Da würde ich auch nur von einem „Check“ sprechen wollen – nur sehe ich den Zusammenhang mit Transparenz eher nicht. Es ging doch primär um den Zustand der Diskurskultur. Schön, das heute viele Leute eine „Kurze Lunte“ haben und sich gleich anfauchen ist auch nichts neues. Im Usenet nannte man das (Vor der Erfindung der Asozialen Netzwerke) schlicht Flame-War. Und auch da gab es schon Möglichkeiten erkannte Trolle & TWIT’s zu filtern denn auch dort galt schon: Du kannst zwar alles Schreiben, hast aber keinerlei recht das es auch alle Lesen müssten, von einer Antwort (auf Schwachsinn) ganz zu schweigen. Wenn Filtern heute schwieriger ist dann wäre das wohl den jeweiligen Plattformen an zu lasten die diese Möglichkeiten aus Eigennutz (Aufmerksamkeit binden) verstecken oder ineffektiv machen. Damit tragen sie eine Mitschuld an der Verbreitung von Fake News, Desinformation und geben Extremen Stimmen nur eine noch größere Reichweite. Und dann ist es kein Wunder wenn die Vernünftig gebliebenen sich zurück ziehen wenn sie sehen das Sachliche Beiträge in alle Richtungen verzerrt und/oder sie einfach von vielen Trollen niedergebrüllt werden. Ziel erreicht: Noch mehr Reichweite, keine auffindbaren Gegenpositionen mehr, wer am Lautesten gebrüllt hat erreicht die Deutungshoheit.

    Allerdings betrachte ich die Filtermöglichkeiten aus großer Distanz da ich schon lange nicht mehr bei diesem Kasperletheater mit mache. Aber schon damals konnte man auf FB nur schwer Leute blockieren oder gar einschränken wer etwas lesen könnte.


  4. Rapheth

    ,

    Eingängige Erzählungen

    Es ist fraglos angenehmer gefährliche Halbwahrheiten zu akzeptieren, als Unschärfen während einer Diskussion selbst durchdenken zu müssen.

    „Eine Mehrheit hat laut Studie das Gefühl, dass Online-Diskussionen spalten.“

    https://www.navigium.de/latein-woerterbuch/discutere?nr=null

Schreibe eine Ergänzung!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert